Erster Tag im Oktober. Nasskaltes Wetter, aber ein Ort und eine Gesprächsatmosphäre, die so viel Gemütlichkeit, Gastlichkeit und Wärme ausstrahlen, dass man richtig Lust bekommt auf einen verregneten Herbst mit viel Zeit zum Experimentieren und Nachkochen am heimischen Herd. Ich sitze am Esstisch mit Julia Reimann. Unsere Stühle knarzen. In der Küche knistert es aus dem Ofen. Julia erzählt mir, wie sie gemeinsam mit ihrem Mann Stefan dessen elterlichen Hof übernommen, auf Bio-Landwirtschaft umgestellt und den Anbau alter Kulturpflanzen für sich entdeckt hat.

Kein leichter Weg und ein fortwährendes Lernen, wie sie sagt. Was die beiden auszeichnet, ist ihre Experimentierfreude und ihr Mut sich auf Unbekanntes einzulassen. Julia entwickelt leidenschaftlich neue Rezepte auf Basis der fast vergessenen Nutzpflanzen-Sorten. Stefan kümmert sich um die handfesten Arbeiten und den Maschinenpark. Ihr gemeinsames Landwirtschaftsstudium in Berlin hat sie zusammengeführt. Als Paar betreiben sie nun den Bio-Hof und bauen behutsam ihre eigene Marke auf. Chiemgaukorn ist ihr Angebot an die Verbraucher sich wieder stärker für (regionale) Alternativen zum konventionellen Weizen zu interessieren. Das Sortiment reicht mittlerweile von Getreide-Mischungen, über Mehle und Backmischungen bis zum „Bayerischen Reis“. Letzterer ist quasi eine Erfindung der beiden. Eine Mischung aus den Urgetreidearten Emmer, Einkorn und Urdinkel, die sich verarbeiten lässt wie klassischer Reis.

Im Gespräch mit Julia wurde schnell klar, dass sie aus einer tiefen inneren Überzeugung heraus handelt. Ihr professionelles Wissen über Pflanzenbau und Boden und ihr Händchen für leckere Gerichte macht sie sich zunutze, um ihrem Herzensthema „alte Kulturpflanzen“ zu mehr Beachtung zu verhelfen. Gemeinsam mit ihrem Mann und ihren Kindern macht sie daraus einen Lebensentwurf und zeigt, dass Idealismus letztlich der größte Motivator sein kann. Gleichzeitig steht sich die Familie Reimann/Schmutz mit ihren Idealen nicht selbst im Weg. Ihre hochsympathische, ehrliche Art begeistert im Handumdrehen und macht jedem Mut die Themen Biodiversität und Sortenvielfalt auf dem eigenen Teller für sich zu entdecken.

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Bilder u.a. von Holger Riegel mit freundlicher Genehmigung von Chiemgaukorn.